Streik im Einzelhandel: Wenn das Einkaufen zum Protest wird
Die Lage im baden-württembergischen Einzelhandel ist angespannt. Die Gewerkschaft Verdi hat erneut zu Warnstreiks aufgerufen, die am vergangenen Samstag bereits zum dritten Mal in Folge stattfanden. Ziel ist es, den Druck auf die Arbeitgeber in der laufenden Tarifrunde zu erhöhen. Betroffen sind namhafte Unternehmen wie Kaufland, Primark, Zara, H&M, Cos, Ikea und Obi. Die Streikorte sind in Stuttgart und Umgebung, Mannheim-Heidelberg, Konstanz sowie im Fils-Neckar-Alb angesiedelt. Dabei stehen Hunderttausende Beschäftigte im Handel auf der Straße, um für ihre Rechte zu kämpfen.
Ein zentrales Anliegen der Streikenden ist eine Lohnerhöhung von 300 Euro für die Beschäftigten und 150 Euro mehr für die Auszubildenden. Verhandlungsführer Wolfgang Krüger betont die Notwendigkeit eines angemessenen Angebots von Seiten der Arbeitgeber. Die kommenden Tage könnten weitere Warnstreiks bringen, denn die Geduld der Beschäftigten ist am Ende. Sie haben genug von unverhältnismäßigen Angeboten, die nicht mit den guten Gewinnen der Unternehmen mithalten können.
Ein Blick auf die Hintergründe
Die Situation ist nicht neu. Bereits in den letzten Monaten gab es zahlreiche Proteste, darunter am 19. Juni in mehr als der Hälfte der deutschen IKEA-Einrichtungshäuser und am 25. Juni in über 100 Kaufland-Filialen. Kaufland, ein Teil der Schwarz-Gruppe mit über 90.000 Beschäftigten in Deutschland, steht besonders in der Kritik. Verdi wirft dem Unternehmen vor, die Beschäftigten nicht fair am Unternehmensgewinn zu beteiligen. Silke Zimmer von Verdi äußert, dass die Mitarbeiter von Kaufland zum Teil unter den Bedingungen leiden, die in keiner Relation zu den Gewinnen stehen.
Und während IKEA im Jahr 2024 einen Gesamtumsatz von 6,1 Milliarden Euro erzielte – das zweitbeste Jahr in der Unternehmensgeschichte – plant der Konzern dennoch Personalabbau. Dies stößt auf Unverständnis bei den Mitarbeitern. Im Kundenservicecenter Rostock müssen 280 Mitarbeiter*innen ihre Jobs aufgrund betriebsbedingter Kündigungen aufgeben. Auch die IT-Abteilung in Dortmund wird geschlossen und ausgelagert, was die Kritik an der sozialen Verantwortung von IKEA weiter verstärkt.
Ein besorgniserregender Trend
Ein weiterer Blick auf die Zahlen zeigt, dass der Einzelhandel zwar Umsatzrekorde verzeichnet, aber gleichzeitig die Tarifbindung rapide sinkt. Von 2010 bis 2023 ist die Zahl der tarifgebundenen Betriebe im Einzelhandel um 45% zurückgegangen. Im Vergleich zur Gesamtwirtschaft, die einen Rückgang von 27% aufweist, ist der Rückgang im Einzelhandel also noch drastischer. Wo 2010 jeder dritte Betrieb tarifgebunden war, sind es 2020 weniger als jeder fünfte. Die Entwicklung ist alarmierend.
Die Lohndifferenz zwischen tarifgebundenen und nichttarifgebundenen Unternehmen beträgt 2023 stolze 3,06 Euro brutto pro Stunde. Über 1,6 Millionen Beschäftigte im Einzelhandel verdienen weniger als 14 Euro pro Stunde. Ein Zustand, der nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt bedenklich ist. Linke-Abgeordnete Susanne Ferschl fordert bereits eine Anhebung des Mindestlohns sowie Erleichterungen für Allgemeinverbindlicherklärungen von Tarifverträgen. Die aktuelle Tarifrunde, die seit über einem Jahr läuft, zeigt, wie dringend Reformen notwendig sind.
Verdi versucht, die Arbeitgeber zurück an den Verhandlungstisch zu bringen, nachdem diese im November 2023 die Tarifverhandlungen abgesagt hatten. Zwischenzeitlich haben einige Einzelhändler freiwillige Lohnerhöhungen angekündigt, doch das reicht bei weitem nicht aus. Der Handelsverband Deutschland äußert sich besorgt und sieht in den Forderungen von Verdi kein Interesse an einem zeitnahen Abschluss. Ein Wettlauf gegen die Zeit, bei dem die Beschäftigten mit ihren Warnstreiks ein Zeichen setzen wollen. Denn eines ist klar: Die Welle der Solidarität im Einzelhandel ist stark, und der Aufschrei nach fairen Arbeitsbedingungen wird immer lauter.
