Versicherungslücken im Zeitalter der Naturkatastrophen: Ein Aufruf zur kreativen Risikobewertung
Im Jahr 2024 ist die Welt wieder einmal von Naturkatastrophen erschüttert worden. Ganze 320 Milliarden US-Dollar an Schäden haben diese Ereignisse verursacht, und die Statistik zeigt eine alarmierende Realität: Nur etwa 140 Milliarden US-Dollar sind versichert. Eine massive Schutzlücke, die nicht nur Unternehmen, sondern auch private Haushalte und die öffentliche Hand vor enorme Herausforderungen stellt. Die Flutkatastrophe in Deutschland 2021 ist ein eindrucksvolles Beispiel. Bis 2024 wurden rund 7,5 Milliarden Euro reguliert, während der Staat ein Sondervermögen von bis zu 30 Milliarden Euro für den Wiederaufbau bereitgestellt hat. Wenn Versicherungen nicht greifen, müssen häufig eigene Rücklagen angezapft oder staatliche Hilfen in Anspruch genommen werden – und das kann schnell zur finanziellen Belastung werden.
Es wird deutlich: Selbsttragung ist zwar ein Teil eines professionellen Risikomanagements, wird aber problematisch, wenn im Schadensfall die Mittel nicht ausreichen. Industrieversicherungen kommen hier ins Spiel. Sie ermöglichen es Unternehmen, große Schäden durch gemeinschaftliche Einzahlungen tragbar zu machen. Das fördert eine gewisse Planungssicherheit bei Investitionen, Standortentscheidungen und Lieferverträgen. Ein Großschaden, der gut versichert ist, führt seltener zu langen Ausfällen, was für öffentliche Haushalte bedeutet, dass nicht jeder Schaden durch Hilfsprogramme aufgefangen werden muss. Es gibt sogar internationale Dimensionen: Die Thailand-Flut 2011 zeigt, wie lokal begrenzte Schäden ganze Märkte beeinflussen können. Der wirtschaftliche Gesamtschaden dieser Flut wurde auf 46 Milliarden US-Dollar geschätzt, von denen nur 15 Milliarden versichert waren.
Versicherungslücken und Klimafolgen
Die Herausforderungen durch nicht versicherte Schäden wachsen, insbesondere durch die Klimakrise. Ein WWF-Bericht hebt hervor, dass in Europa nur 20 Prozent der Katastrophenschäden versichert sind. Die Schutzlücke wird immer größer, und das hat nicht nur Auswirkungen auf private Haushalte und Unternehmen, sondern auch auf öffentliche Haushalte. Fehlender Versicherungsschutz führt zu erheblichen finanziellen Belastungen für den Staat. Nach der Flut im Ahrtal stellte Deutschland beispielsweise 30 Milliarden Euro für den Wiederaufbau bereit. Die UN schätzt die globalen Kosten von Naturkatastrophen auf 2,3 Billionen US-Dollar pro Jahr. Über 50 Prozent der klimabedingten Schäden weltweit sind unversichert, in Entwicklungsländern sind es sogar über 90 Prozent.
Die Versicherungswirtschaft sieht sich durch häufigere Extremwetterereignisse zunehmend unter Druck. Regulierungen wie DORA, NIS2 und der Cyber Resilience Act sollen Unternehmen dazu bewegen, ihre Resilienz zu erhöhen. Dabei ist es entscheidend, dass Unternehmen ihre Risiken, Schutzmaßnahmen und Wiederanlaufprozesse besser beschreiben können, um diese bewerten und versichern zu lassen. Oft scheitert das jedoch an unzureichenden Daten. Standardisierung könnte helfen, Risiken besser zu beschreiben und zu bewerten, was die Kapazität der Versicherer gezielter einsetzen würde. EIOPA und die EZB plädieren für eine integrierte Betrachtung von privatem Risikotransfer, öffentlicher Rückdeckung und Prävention.
Globale Herausforderungen
Die Frage, wer für die Schäden aus Klimakatastrophen aufkommt, bleibt ein globales Dilemma. Der Klimawandel erhöht die Risiken für Naturereignisse, die früher kalkulierbar waren. Elementarschadensversicherungen sind oft aufgrund unklarer Risikobewertungen nicht verfügbar. In Kalifornien zum Beispiel sind große Siedlungen unversichert, weil die Prämien zu hoch sind oder die Regionen als zu riskant eingeschätzt werden. Das führt dazu, dass Menschen in unsicheren Gebieten leben, ohne adäquate Absicherung. Die Diskussion über Lebensentscheidungen und Versicherungen ist für viele unangenehm, und es gibt Bedenken, dass staatliche Schadensersatzzahlungen risikoreiches Verhalten fördern könnten.
Doch nicht alle Hoffnungen sind verloren. Der WWF entwickelt Strategien zur Schließung der Versicherungslücke in Zusammenarbeit mit Versicherern und Wissenschaft. Es wird betont, wie wichtig eine ganzheitliche Bewertung von Risiken und Resilienz ist. Der Ruf nach Klimaschutz und Naturschutz wird lauter, und es ist an der Zeit, Marktanreize und Versicherungsregulierung anzupassen, um diese Lücken zu schließen. Die Herausforderung bleibt groß, aber vielleicht ist es gerade diese Herausforderung, die uns alle dazu anregt, kreativere Lösungen zu finden, um den Schutz vor zukünftigen Katastrophen zu verbessern. Wer weiß, vielleicht wird das ein wichtiger Schritt in eine sicherere Zukunft.
