Wirtschaft im Würgegriff: Der Iran-Krieg und seine Schatten auf Europa
Der Beginn des Jahres 2023 brachte für viele Volkswirtschaften zunächst eine Phase des robusten Wachstums. Doch alles änderte sich schlagartig mit dem Ausbruch des Iran-Kriegs am 28. Februar. Von einem Tag auf den anderen erlebte die Weltwirtschaft einen heftigen Rückschlag. Die Schließung der Straße von Hormus war wie ein Schlag ins Gesicht für den Öl- und Warenverkehr. Förderanlagen in der Region wurden beschädigt, und die Konsequenzen waren sofort spürbar: Die Preise an Tankstellen schossen in die Höhe, und auch Düngemittel wurden teurer. Was zuerst wie ein isoliertes Problem wirkte, entpuppte sich schnell als weitreichende Krise, die die Inflation anheizte und das Vertrauen der Verbraucher schwinden ließ.
Ein Blick auf die Prognosen der OECD zeigt, dass es zwei mögliche Szenarien gibt. Im optimistischen Fall könnte der Konflikt bald enden, die Straße von Hormus wieder geöffnet werden, und das globale Wirtschaftswachstum würde sich von 3,4 % im Jahr 2025 auf 2,8 % im Jahr 2023 verringern, bevor es auf 3,1 % im Jahr 2024 ansteigt. Die Eurozone würde von einem Rückgang von 1,4 % auf 0,8 % im Jahr 2023 betroffen sein, bevor eine Erholung auf 1,2 % im Jahr 2024 folgt. Doch die düstere Perspektive ist nicht zu ignorieren: Im pessimistischen Szenario könnte das Wachstum auf nur 2,1 % im Jahr 2023 und 1,8 % im Jahr 2027 sinken, und einige Volkswirtschaften könnten in eine Rezession abrutschen.
Die Auswirkungen auf Deutschland
Für Deutschland, das sich in der Regel als stabiler Anker in Europa präsentiert, sieht es zunächst nicht ganz so düster aus. Hier wird ein BIP-Anstieg von 0,7 % für 2023 und 1,1 % für 2027 prognostiziert. Das ist optimistischer als die Wirtschaftsweisen, die nur 0,5 % für 2023 und 0,8 % für 2024 voraussagen. Allerdings, und das ist wichtig zu betonen, wird auch hier mit einer Erhöhung der Inflationsrate gerechnet – konkrete Zahlen fehlen noch, aber die Richtung ist klar. Die Kritik am Tankrabatt wird lauter: Die Senkung der Kraftstoffsteuern erweist sich als unzureichend für einkommensschwache Haushalte und nimmt den Anreiz zum Energiesparen.
Doch es gibt auch Hoffnungsschimmer. Die Exporte erholen sich, während die globale Nachfrage steigt. Deutschland könnte von einem Anstieg der Exporte in europäische Länder profitieren. Der private Konsum wird durch steigende Löhne unterstützt, auch wenn höhere Energiepreise und Inflation ihn dämpfen. Die Lockerung der Schuldenbremse und Investitionen durch Sondervermögen könnten ebenfalls positive Effekte entfalten. Aber der Handlungsbedarf bleibt enorm. Der Staat muss die Effizienz der öffentlichen Ausgaben verbessern, die Steuerbasis erweitern und dringend Maßnahmen zur Bewältigung des Facharbeitermangels sowie der alternden Bevölkerung ergreifen. Zudem sollte die Umsetzung wichtiger Infrastrukturprojekte beschleunigt werden, um die Energiewende voranzutreiben und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern.
Inflation und Energiepreise
Der Ölpreisschock infolge des Iran-Kriegs hat die Inflation in der Eurozone stark angeheizt. Im Mai stiegen die Verbraucherpreise um 3,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, nach 3,0 Prozent im April. Diese Teuerungsrate liegt über dem Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von 2 Prozent. Die EZB steht unter Druck, auf diese steigende Inflation zu reagieren, und es wird erwartet, dass sie am 11. Juni 2023 die Leitzinsen zum ersten Mal in diesem Jahr erhöht. Der aktuelle Einlagenzins liegt bei 2,0 Prozent, und EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat die Handlungsbereitschaft der Notenbank betont.
Die Inflation wird maßgeblich durch stark gestiegene Energiepreise angetrieben, die im Jahresvergleich um 10,9 Prozent zulegten. Auch Dienstleistungen und Lebensmittelpreise sind teurer geworden, mit einem Anstieg von 3,5 Prozent für Dienstleistungen und 2,0 Prozent für Lebensmittel. Höhere Leitzinsen könnten zwar Kredite verteuern und die Nachfrage bremsen, was die Inflation dämpfen könnte, gleichzeitig könnte dies jedoch die bereits schwache Wirtschaft im Euroraum belasten.
Langfristige Perspektiven
Die Auswirkungen des Iran-Kriegs auf die Wirtschaft sind nicht nur kurzfristig, sondern werden auch langfristig spürbar sein. Erinnerungen an den Preisschock von 2022 werden wach, während die Ölpreise seit Beginn des Konflikts auf knapp 120 Dollar gestiegen sind und die Gaspreise sich zeitweise verdoppelt haben. Ökonomen warnen vor einem möglichen Inflationsschub in Europa, und die Teuerungsrate könnte in den kommenden sechs bis neun Monaten über drei Prozent steigen. Auch wenn Europa weniger vom Öl abhängig ist als in den 1970er-Jahren, beeinflussen steigende Gaspreise nach wie vor die Strompreise erheblich. Die Verzögerung bei der Anpassung der Tarife durch die Versorger könnte die Auswirkungen dieser Preissteigerungen sogar in der Statistik verschleiern.
Die Gefahr von Zweitrundeneffekten ist real: Höhere Löhne werden gefordert, was die Inflation weiter anheizen könnte. Inflationserwartungen an den Finanzmärkten steigen, und das zeigt sich bereits in fallenden Kursen deutscher Bundesanleihen. Die EZB könnte gezwungen sein, schneller zu handeln und die Zinsen früher zu erhöhen, sollte der Ölpreis hoch bleiben. Finanzmärkte preisen bereits zwei Leitzinserhöhungen bis zum Jahresende ein, was die Reaktion der EZB beschleunigen könnte. In dieser unsicheren Lage bleibt abzuwarten, wie sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen entwickeln und welche Maßnahmen die Politik ergreift, um die Folgen des Konflikts abzufedern.
