Am 17. Juli 2026 nehmen wir Abschied von einem ganz besonderen Journalisten, Volker Wörl, dessen Lebenswerk in der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung eine tiefgreifende Prägung hinterlassen hat. Geboren 1930 im Sudetenland und geprägt von den Wirren des Zweiten Weltkriegs, brachte Wörl eine außergewöhnliche Perspektive in die Wirtschaftsthemen der 1990er Jahre ein. In einer Zeit, in der große Unternehmen wie VW und Lufthansa in der Krise steckten, stellte er unbequeme Fragen zur sozialen Gerechtigkeit und zur Vermögensverteilung – und das, lange bevor solche Themen populär wurden. Seine Artikel waren mehr als nur Analysen; sie waren ein Aufruf zum Nachdenken, eine Einladung, über die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nachzudenken.

Nach seiner Flucht aus der kommunistischen Tschechoslowakei fand Wörl in Bayern eine neue Heimat. Das Abitur und ein Volontariat beim Neuen Tag in Weiden ebneten ihm den Weg in die Welt des Journalismus. 1958 begann er seine Laufbahn im Wirtschaftsressort der Süddeutschen Zeitung, wo er über Konjunktur, Bau, Immobilien und Luftfahrt berichtete. Was ihn von anderen abgrenzte, war sein unermüdliches Streben nach einer marktwirtschaftlichen Lösung für ökologische Probleme und seine parteilose, aber engagierte Haltung als Gemeinderat in Vaterstetten. Gemeinsam mit Franz Thoma und später Helmut Maier-Mannhart prägte Wörl die Wirtschaftsredaktion über 37 Jahre.

Ein Leben für die soziale Gerechtigkeit

Wörls Ansatz, soziale Gerechtigkeit und Umweltfragen in seine wirtschaftlichen Analysen zu integrieren, war visionär. In einer Zeit, in der die Diskussion über soziale Ungleichheit in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckte, thematisierte er die Ungleichverteilung von Vermögen und Einkommen. Diese Fragen sind auch heute noch brisant. Laut aktuellen Berichten besitzen die obersten 10% der Bevölkerung 28% des gesamten Einkommens und fast 60% des Vermögens. Im Gegensatz dazu verfügen die unteren 50% lediglich über 24% des Bruttoerwerbseinkommens und gerade einmal 0,3% des Gesamtvermögens. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter, und Wörls Gedanken dazu sind aktueller denn je.

Die Ungleichheit in Deutschland wird nicht nur durch Einkommen, sondern auch durch Vermögen definiert. Der Gini-Koeffizient zeigt, dass die Vermögensverteilung ungleicher ist als die Einkommensverteilung. Interessanterweise haben 5% der Haushalte sogar negatives Vermögen, was die Fragilität des Systems verdeutlicht. Wörls Stimme in diesen Diskussionen war stets eine, die zur Reflexion und zu Veränderungen aufrief. Auch als er 1995 aus dem aktiven Berufsleben ausschied, blieb er der SZ als freier Autor treu und suchte den Kontakt zu jüngeren Kollegen. Er wollte wissen, welche Themen sie bewegten – das spricht für seine Neugier und sein Engagement, das bis ins hohe Alter anhielt.

Ein Vermächtnis, das bleibt

Volker Wörl starb im Alter von 96 Jahren und hinterlässt ein beeindruckendes Erbe. Seine Ansichten und Fragen zur sozialen Gerechtigkeit sind Teil eines größeren Diskurses, der in unserer Gesellschaft immer relevanter wird. Die Herausforderungen, mit denen wir heute konfrontiert sind – von der ungleichen Verteilung von Ressourcen bis hin zu den sozialen Auswirkungen der Wirtschaft – lassen sich nicht ignorieren. Wörls Lebenswerk erinnert uns daran, dass der Journalismus nicht nur informieren, sondern auch inspirieren und zum Handeln aufrufen sollte. In einer Zeit, in der es um mehr als nur Zahlen und Statistiken geht, können wir viel von ihm lernen.

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