Die Situation der russischen Wirtschaft ist geradezu besorgniserregend. Ein neuer Bericht vom Kieler Institut für Weltwirtschaft und dem Stockholmer Institute of Transition Economics beleuchtet diese düstere Lage und spricht von einem „Endstadium“ der Wirtschaft. Wenn man sich die Details anschaut, wird klar, dass die Prognosen der russischen Regierung für 2023 – wo ein Wachstum von 1,3 % angestrebt wurde – schon jetzt wie ein frommer Wunsch erscheinen. Tatsächlich wurde diese Zahl auf gerade mal 0,4 % korrigiert. Viele Experten, wie die Autoren des Kieler Berichts, halten diese Schätzung sogar für „zu optimistisch“. Ein gewaltiger Pessimismus schwingt da mit, denn die Anzeichen für einen bevorstehenden wirtschaftlichen Kollaps sind unübersehbar.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Der Arbeitskräftemangel und die Lieferengpässe sind allgegenwärtig. Und wenn man die offiziellen Wachstumszahlen hinterfragt, könnte das reale Wachstum sogar noch geringer ausfallen, besonders wenn die Inflation nicht korrekt ausgewiesen wird. Der einzige Sektor, der sich noch ein wenig hält, ist die Rüstungsindustrie. Während überall anders die Anlageinvestitionen fast zum Stillstand gekommen sind, boomt es hier – aber das ist ja nicht gerade ein Grund zur Freude.

Finanzielle Misere und Abhängigkeiten

Das Außenhandelsvolumen Russlands hat den niedrigsten Stand seit 15 Jahren erreicht. Man fragt sich, wie lange das Land diese wirtschaftlichen Herausforderungen noch stemmen kann. Die Produktionskapazitäten sind nahezu erschöpft, während die Kreditexpansion in rüstungsrelevanten Sektoren und die schwachen Unternehmensbilanzen das ohnehin schon instabile Finanzsystem belasten. Zudem sind die fiskalischen und finanziellen Reserven weitgehend aufgebraucht, was einem weiteren Schlag ins Gesicht gleichkommt. Der nationale Wohlfahrtsfonds hat sich seit 2022 von 6,5 % auf nur noch 1,8 % des BIP verringert – das ist alarmierend.

Ein weiterer Aspekt, der nicht übersehen werden darf, ist die zunehmende Abhängigkeit Russlands von China. Angesichts der westlichen Sanktionen ist Moskau gezwungen, sich auf Peking zu stützen, was die Verhandlungen über Rohstoffe in eine ungleiche Beziehung verwandelt. China kauft russische Rohstoffe zu Schnäppchenpreisen und diktiert die Bedingungen. Das ist ein Spiel, das Russland nicht lange gewinnen kann, zumal die Ausgaben für den Krieg und das wachsende Haushaltsdefizit immer drängender werden.

Defizite und Sanktionen

Die Zahlen sind besorgniserregend: Das Defizit für 2026 wurde ursprünglich mit 45,5 Milliarden Euro eingeplant, während es von Januar bis Mai 2023 bereits über 72 Milliarden Euro betrug. Das sind 2,6 % des BIP! Höhere Mehrwertsteuereinnahmen und die Einkünfte aus Öl und Gas verhindern bisher einen noch stärkeren Anstieg des Defizits. Doch die Einnahmen aus Öl und Gas liegen um fast 30 % unter dem Vorjahreszeitraum. Die Ursachen sind vielschichtig, aber westliche Sanktionen und ukrainische Drohnenschläge gegen russische Ölterminals und Raffinerien spielen eine entscheidende Rolle. Letztlich sind die Einnahmen aus Öl- und Gasexporten unverzichtbar für die Fortführung des Angriffskriegs – die wirtschaftlichen Verstrickungen sind also nicht nur eine Frage der Zahlen, sondern auch des Überlebens.

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Die Ökonomen sind sich einig, dass strengere Sanktionen notwendig sind. Moritz Schularick vom Kieler Institut warnt vor erheblichen Einbrüchen im nächsten Jahr. Interessanterweise zeigen exilrussische Ökonomen eine zurückhaltendere Haltung zu den Prognosen über einen wirtschaftlichen Kollaps – vielleicht aus der Hoffnung heraus, dass sich die Wogen glätten könnten.

Die Diskussion über Sanktionen ist komplex. Die EU hat klare Grundprinzipien für restriktive Maßnahmen festgelegt, um politische Änderungen zu bewirken. Doch die Frage bleibt: Wie wirksam sind diese Sanktionen wirklich? Studien zeigen, dass sie sowohl wirtschaftliche als auch humanitäre Auswirkungen haben, die oft nicht im gewünschten Maße eintreten. Die Debatte über einseitige versus multilaterale Sanktionen ist ebenfalls ein heißes Eisen, denn multilaterale Sanktionen gelten als deutlich effektiver. Letztlich bleibt die Frage, wie man eine Balance zwischen politischen Zielen und den negativen Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung finden kann.