Post oder Verkaufsgespräch? Die Sihlpost im Zwiespalt zwischen Tradition und Moderne
Heute ist der 8.05.2026 und die Post in der Schweiz steht erneut im Fokus der Diskussion. In den letzten Monaten hat die größte und modernste Filiale der Schweiz, die umgebaute Sihlpost in Zürich, nicht nur mit ihrer Architektur, sondern auch mit ihrem Konzept für Gesprächsstoff gesorgt. Die Idee, Banken und Versicherungen in die Postfilialen zu integrieren, klingt auf dem Papier gut. Aber die Realität sieht anders aus. Kunden fühlen sich oft unwohl in den neuen „Begegnungszonen“ und haben nicht das Gefühl, dass ihre Bedürfnisse ausreichend berücksichtigt werden. Die Umstellung von traditionellen Postgeschäften hin zu Beratungsgesprächen und digitalen Services scheint nicht bei jedem gut anzukommen. Eine Art von Zwang schleicht sich ein – man wird förmlich dazu gedrängt, einen Beratungstermin wahrzunehmen, während man doch einfach nur einen Brief aufgeben oder ein Paket abholen möchte.
Vor der Eröffnung war der Post bereits bewusst, dass viele ihrer Kunden die neuen Beratungszonen eher ignorieren würden. Und genau das scheint sich zu bewahrheiten. Banken und Versicherungen wie die Migros-Bank, die Hypothekarbank Lenzburg und Axa haben ihre Partnerschaften in Windeseile beendet, da der wirtschaftliche Nutzen weit hinter den Erwartungen zurückblieb. So bietet die Assura in Bern mittlerweile nur noch an einem Tag pro Woche Beratungstermine an – die kaum jemand bucht. Das ist schon ein bisschen traurig, wenn man bedenkt, dass die Post mit diesen neuen Konzepten die Filialen rentabler machen wollte. Die Mieten für die Flächen in den Postfilialen schwanken zwischen 350 und 2400 Franken pro Monat, je nachdem, wo man sich befindet. Größere Flächen für Verkaufs- und Werbeaktionen sind sogar noch teurer, zwischen 3000 und 4000 Franken. Ob sich diese Investitionen wirklich rentieren, bleibt fraglich.
Die Kundenperspektive
Die Realität der Kunden ist eine andere. Viele Leute wünschen sich, dass sie die Filialen einfach für ihre traditionellen Postgeschäfte nutzen können – ohne lange Wartezeiten, ohne geschlossene Türen. Wenn man einen Brief aufgeben möchte, will man nicht erst durch eine Beratungszone navigieren, die einem das Gefühl gibt, man müsse sich gleich für eine Versicherung entscheiden. Die Beschwerden häufen sich: Empfehlungen für Krankenkassen und Versicherungen während man doch einfach einen Brief aufgeben möchte? Das sorgt für Verwirrung und Frustration. Die Post sieht zwar die vielen freien Beratungstermine als positiv, weil sie damit Flexibilität signalisieren, doch die Kunden empfinden das eher als ungebetene Aufdringlichkeit.
Das Konzept der „Basar“-Strategie, das die Post verfolgt, um die Rentabilität zu steigern, scheint aus Kundensicht nicht wirklich aufzugehen. Die Enttäuschung ist spürbar, und es bleibt abzuwarten, wie die Post auf diese Herausforderungen reagiert. Ein bisschen mehr Kundenorientierung könnte hier Wunder wirken. Vielleicht sollten die Verantwortlichen einfach mal einen Schritt zurücktreten und sich fragen: Was wollen die Menschen wirklich? Am Ende des Tages geht es um einfache Postgeschäfte – und nicht darum, dass jeder Kunde durch ein Verkaufsgespräch gejagt wird.
