Die Stille nach dem Sturm: Warum Oberwiera dem größten Windrad Sachsens den Rücken kehrt
Im beschaulichen Oberwiera, einem kleinen Dorf im Landkreis Zwickau, brodelt es gewaltig. Nach nur 2,5 Jahren und einer Investition von 10 Millionen Euro wird das größte Windrad Sachsen abgerissen. Die Einwohner sind erleichtert – oder eher erleichtert, dass der Lärm endlich ein Ende hat. „Es klingt wie ein kreisendes Flugzeug“, beschreibt Holger Quellmalz, der ehrenamtliche Bürgermeister, die Geräuschkulisse, die den Anwohnern den Schlaf geraubt hat. Sarah Hahn, eine Anwohnerin, spricht von massiven Schlafstörungen und klagt über den ständigen Geräuschpegel, der selbst bei geschlossenen Fenstern nicht abzureißen scheint. Das Windrad sollte eigentlich bis zu 5.000 Haushalte mit Strom versorgen, doch die Realität sieht anders aus.
Die Beschwerden über den Lärm hielten auch dann an, als der Betreiber, der Windrad-Hersteller Vestas, diverse Rettungsversuche unternahm. Der Nachtbetrieb wurde eingestellt, das Getriebe ausgetauscht – nichts half. “Wir haben alles versucht”, so Quellmalz, “aber der Krach blieb.” Auch wenn Brummgeräusche bei Windrädern selten sind, zeigt sich hier ein Paradebeispiel dafür, wie wichtig die Standortwahl und technische Gegebenheiten sind. Vestas führt die Probleme auf eine Kombination aus standortspezifischen und anlagenspezifischen Faktoren zurück.
Ein einmaliger Fall in Deutschland
Der Abriss des Windrads, der für Mitte Juli geplant ist, könnte als einmalig in Deutschland gelten. Eine Einigung zwischen Betreiber und Gemeinde wurde erzielt, ohne dass Steuergelder fließen. Die Bewohner jedoch sind skeptisch und wünschen sich keine weiteren Windräder in ihrer Nachbarschaft. „Es muss mehr Augenmaß bei der Planung solcher Anlagen geben“, fordert Sarah Hahn und spricht damit vielen aus der Seele. Bürgermeister Quellmalz hat bereits Widerstand gegen künftige Windkraftprojekte in der Region angekündigt. Die Akzeptanz für Wind- und Solaranlagen liegt laut einer Forsa-Umfrage zwar bei 69 Prozent, doch in Oberwiera ist die Stimmung eindeutig gegen weitere Projekte.
In Deutschland gibt es über 29.200 Windräder, und dennoch sind Beschwerden über Lärm eher die Ausnahme. Wissenschaftliche Studien belegen, dass gesundheitliche Probleme in der Nähe von Windrädern nicht gehäuft auftreten. Doch die Situation in Oberwiera ist ein Lehrstück dafür, wie wichtig die Kommunikation zwischen Betreibern und der Bevölkerung ist. Das Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) regelt, dass keine schädlichen Umwelteinwirkungen oder Belästigungen für die Nachbarn entstehen dürfen. Die Genehmigungsvoraussetzungen müssen strikt eingehalten werden, und die Beurteilung erfolgt nach der „Technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm“ (TA Lärm).
Es bleibt abzuwarten, ob an derselben Stelle oder anderswo im Ort ein neues Kraftwerk entsteht. Die Einwohner sind sich einig: Für jetzt ist Schluss mit den Windrädern. Ein wenig Ruhe und Frieden tut der Gemeinde gut. Und vielleicht ist das die wichtigste Lehre aus dieser Geschichte – dass man bei aller Begeisterung für erneuerbare Energien auch die Stimmen der Menschen ernst nehmen muss, die direkt betroffen sind.
