Die Vorstellung, mit Mitte 30 in den Ruhestand zu gehen, klingt für viele wie ein Traum. Kristy Shen und Bryce Leung haben diesen Traum 2015 Wirklichkeit werden lassen, als sie ihre Jobs kündigten und finanziell unabhängig wurden. Ihr Weg war jedoch alles andere als geradlinig. Zunächst warfen sie sich in eine Vielzahl von Nebenjobs, bevor sie die Prinzipien der FIRE-Bewegung (Financial Independence, Retire Early) entdeckten. Diese Bewegung betont das Sparen eines Großteils des Einkommens sowie das Investieren in kostengünstige Indexfonds, um frühzeitig in den Ruhestand gehen zu können.

Shen, die in ärmlichen Verhältnissen in China aufwuchs, hatte anfangs Bedenken gegenüber dem Aktienmarkt. Auch das Vorhaben, ein Eigenheim in Toronto zu erwerben, stellte sich als herausfordernd heraus. Trotz ihrer guten Einkommen in der Tech-Branche schienen die exorbitanten Immobilienpreise unerreichbar. Schließlich experimentierten sie mit verschiedenen unternehmerischen Ideen, darunter Softwareentwicklung und ein Amazon-Geschäft – alles ohne den erhofften Erfolg. Die Lösung für ihre finanzielle Stabilität lag letztlich im konsequenten Sparen und Investieren in Indexfonds.

Der Weg zur finanziellen Unabhängigkeit

Um ihre FIRE-Zahl zu erreichen, wandten sie die sogenannte Vier-Prozent-Regel an. Diese besagt, dass man im Ruhestand jährlich etwa vier Prozent seines Portfolios abheben kann, ohne das Kapital zu gefährden. Für Shen und Leung bedeutete das, dass sie jährlich etwa 40.000 kanadische Dollar (rund 25.000 Euro) benötigten. Daraus ergibt sich eine FIRE-Zahl von einer Million kanadischen Dollar (624.000 Euro). Um dieses Ziel zu erreichen, sparten sie bis zu 70 Prozent ihres Einkommens und kontrollierten akribisch ihre großen Ausgaben wie Wohnen, Transport und Lebensmittel.

Die FIRE-Philosophie ist zwar verlockend, aber der Weg dorthin kann steinig sein. Ein bedeutendes Risiko besteht darin, in der Entnahmephase Anteile verkaufen zu müssen, während die Börse schwächelt. Niedrige Kurse können das Portfolio stärker belasten als erwartet, und Faktoren wie Inflation, Steuern oder Gebühren werden oft zu optimistisch eingeschätzt. Zudem können Lebensereignisse – etwa die Geburt von Kindern oder unerwartete Ausgaben – die finanziellen Pläne durcheinanderbringen und die Ausgabenstruktur verändern.

Die Herausforderungen nach der finanziellen Freiheit

Die Arbeit bietet nicht nur ein Einkommen, sondern auch eine Struktur, soziale Kontakte und ein Gefühl der Nützlichkeit. Nach dem Erreichen des FIRE-Ziels kann es daher zu einer Identitätskrise kommen: „Und jetzt?“ So paradox es auch klingt, die große Freiheit kann sich als einschränkend erweisen. Hohe Sparquoten schränken manchmal die Möglichkeit ein, spontane Entscheidungen zu treffen oder kleine Luxusmomente im Alltag zu genießen. Daher sollte FIRE eher als flexibler Rahmen verstanden werden, der Optionen bietet, ohne das Leben vollständig aufzuschieben.

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Um die finanzielle Freiheit zu kalkulieren, kann die 25er-Regel hilfreich sein. Diese besagt, dass man seine jährlichen Gesamtausgaben mit 25 multiplizieren sollte, um das benötigte Startkapital zu ermitteln. Beispielsweise benötigen monatliche Ausgaben von 1.500 Euro ein Startkapital von 450.000 Euro (18.000 Euro x 25). Investitionen sollten dabei breit gestreut, langfristig und renditestark sein, etwa durch weltweit anlegende Aktien-ETFs.

Insgesamt ist der Weg zur finanziellen Unabhängigkeit und einem frühen Ruhestand ein Abenteuer voller Herausforderungen, das gut durchdacht und vorbereitet sein sollte. Die Geschichten von Kristy Shen und Bryce Leung sind inspirierend, aber sie zeigen auch, dass der Traum vom Ruhestand mit Mitte 30 eine sorgfältige Planung und viel Disziplin erfordert.